wpct01d.jpg (2988 Byte)lw02b.jpg (1683 Byte)Die Landesgruppe Berlin in der Landsmannschaft Westpreußen e.V.

Landesvorsitzender: Diplom-Geograph Reinhard M.W. Hanke (Wirsitz/Deutsch Krone),
Stellvertretende Vorsitzende: Alfred Dreher (Zempelburg), Prof. Helmut Keutner (WBW)
Schatzmeister:
 Dieter Kosbab (Rosenberg), Hildegard Weigelt (Thorn)
Beisitzer:
Gerhard Gerz, Dr. Peter Letkemann, Ingrid Seidel, Christine Veit

E-Post: post@westpreussen-berlin.de

-aus dem Mitteilungsblatt Nr 63 (2) August 2004 -18. Jahr

 

Nr. 63 (2)                          Westpreußen Mitteilungen Berlin                           Seite 2


Schuld und Scham - das deutsch-polnische Verhältnis

Kanzler Schröders Besuch in Warschau anlässlich des Warschauer Aufstandes gegen die deutsche Besatzung am 1. August 1944, vor 60 Jahren,  fand reichliche Medienaufmerksamkeit. Schon im Vorfeld hatte es Informationsveranstaltungen dazu gegeben, auch vom Bund der Vertriebenen. Sein Motto: „Empathie – der Weg zum Miteinander“. Präsidentin Erika Stein­bach musste diese Veranstaltung gegen Angriffe aus Polen verteidigen und sagte: „Empathie ist der Weg zum Miteinander. Wir wollen selbst mitfühlen und wir sehnen uns nach dem Mit­gefühl anderer“. Prominente Redner stimmten ihr zu, obwohl der ehemalige Außenminister Polens, Wladislaw Bartoszewski, sie einzeln angeschrieben hatte, um sie vom Auftritt beim Bund der Vertriebenen (BdV) abzuhalten.

Sie ließen sich ihre freie Rede nicht nehmen, schon gar nicht Ralph Giordano, der aus tiefer Überzeugung sprach. Sein Empathieverständnis sei „lange, sehr lange begrenzt auf die eigene Lebenssphäre – auf die Frauen und Männer in den Gestapohöllen und KZs“; gewesen und „lange, sehr lange“ habe es gedauert, bis er Empathie für das persönliche Schicksal von Men­schen empfunden habe.

Empathie fehlt bei unserem Bundeskanzler. Er hat die Vertriebenen im Stich gelassen und sich gegen Eigentumsansprüche der enteigneten Vertriebenen ausgesprochen. Er tat das in Polen, obwohl er das Gespräch darüber mit den Vertriebenen im eigenen Land hätte suchen müssen.

Die Polen besetzen die Opferrolle: Hitler hat den Krieg begonnen, die Polen als minderwertige Rasse behandelt und ihre Intelligenz auszurotten versucht. Sie haben sich dem nicht ge­beugt,  eine Heimatarmee aufgestellt, Widerstand geleistet oder sind ins Exil gegangen. Der Warschauer Aufstand war militärisch eine Niederlage, die obendrein die Zer­störung ihrer Hauptstadt Warschau zur Folge hatte, für das nationale Selbstverständnis war und ist diese Erhebung für Polen jedoch von großer Bedeutung.

Die Rache traf natürlich die Deutschen, die 1945 militärisch bezwungen waren. Nun blutete die deutsche Zivilbevölkerung durch Misshandlung, Schändung, Vertreibung und Enteignung. Polen machten Deutsche zu Opfern und nahmen ihnen auch die Heimat. Selbst heute erhalten die in Polen verbliebenen Deutschen ihr Eigentum nicht zurück. Giordano sagt dazu: „Die Vorgeschichte der Vertreibung rechtfertigt kein einziges Verbrechen, keine einzige Menschenrechtsverletzung an Vertriebenen.“

Die dunkle Vergangenheit sollten wir wegen der Verantwortung für folgende Generationen nicht verschweigen und nicht vergessen. Alle sollten darum wissen. Aber vielleicht würde gute Nachbarschaft, Freundschaft und Verständigung eher möglich werden, wenn die offenen Rechtspositionen angesprochen und Lösungen auf beiden Seiten gesucht würden, eben auch in Polen.

„Schuld und Scham“ war die Überschrift einer Zeitung zum Besuch unseres Kanzlers in War­schau. Schuld und Scham sollten Deutsche und Polen  empfinden. Dann können sie sich  in die Augen sehen, unbefangen miteinander umgehen und sich sogar umarmen – so wie es zwischen den westpreußischen Vertriebenen und den polnischen Bewohnern in unserer Heimat bei jedem Besuch schon längst und oft geschieht. Der Kanzler und die vorherrschende veröffentlichte Meinung wollen leider von diesem friedlichen Miteinander nichts wissen.

 Sibylle Dreher (Berlin)


Nr. 63                                Westpreußen Berlin               Mitteilungsblatt                                                  Seite 2 

Margenburg Schloss und Stadt, nach einem Kupferstich aus der Chronik „Ercierung... Mit leicht erfindung aller Stedte, Schlosser...“, Königsberg 1595, von Caspar Hennenberger, spiegelbildlich, 100 x 230 cm.

Die Marienburg in Westpreußen      

Es ist fast unmöglich, das Wesen von Architektur und Geschichte der Marienburg am Nogatufer in Worte zu fassen. Scheinbar Nebensächliches kann dabei recht schnell zum Wesentlichen werden. Wer in ihre Vergangenheit bewusst vorstößt, wird schnell zu der Erkenntnis kommen, dass sie selbst auch ein recht großer geistiger Genuß sein kann.

Die über die Marienburg vorhandene Literatur lässt sich bezüglich ihrer Vielzahl und Sprachen kaum überblicken und viel weniger noch beschaffen. Dem einzelnen Besucher ist dies kaum bewußt, doch erwartet er auch bei seinem ihm meist knapp zur Verfügung stehenden Zeitumfang ihre geradezu minutiöse Einzeldarstellung. Deutschen und Polen ist die Marienburg besonders als Burg des Deutschen Ordens ein Bestandteil ihrer oftmals entgegengesetzten Geschichtsauffassungen und geistreichen Erfindungen. Treten sie jedoch in ihre Gemäuer erst einmal ein, so pocht dem bereits wissenden Besucher vor Aufregung das Herz, ist er unwissend, so wird er von einem Zauber erfasst, der an das Mystische grenzt. Das fast Unmögliche wird mit der Marienburg noch heute erreicht. Wir sind auch in unserer von den Medien überlagerten Zeit zur Begeisterung fähig!

Es gibt die Tatsache, die eine Auffassung von der einen Seite nicht zuläßt, wenn sie auch nicht einseitig sein soll. Das Medusenhaupt Marienburg ist jedoch im Schwinden begriffen und die gegenseitige Versteinerung weicht der roten Farbe des wärmenden und alles beherrschenden hell im Sonnenlicht glänzenden Backsteinbaues.

Dieser umfasst noch heute eine Fläche von etwa 22 ha und ist damit die größte europäische Burganlage des Mittelalters. Zusätzlich gehörte die angrenzende Stadt Marienburg mit ihrer Wehrmauer planerisch zur Burganlage. 1280 wird der Deutsch-Ordens-Konvent vom nahen Zantir im Zwickel zwischen Weichsel und Nogat in die neu errichtete Marienburg verlegt, seit 1309 ist sie Hochmeisterresidenz, wird großartig ausgebaut und zum Zentrum der europäischen Ritterschaft und in der Folge 1457 ein Opfer der gnadenlos über sie hereinbrechenden politischen Ereignisse. Von 1466 ab steht sie unter der Hoheit des jeweiligen polnischen Königs und wird 1772 bei der Vereinigung der beiden preußischen Territorien Bestandteil des Königreichs Preußen. Mit der einsetzenden Besinnung auf die mittelalterlichen Architekturwerte beginnt 1794 die bis heute anhaltende Erhaltung der Burg. Nach den Befreiungskriegen von 1813-1815 setzt die romantische Restaurierungsphase ihrer ersten Wiederherstellung (1817-1856) ein. Auch Friedrich Schinkel fertigt hierzu Entwürfe und Gutachten an. Die zweite Wiederherstellungsperiode von 1882 bis 1922 ist untrennbar mit der Person des Geheimen Baurates Dr. Conrad Steinbrecht verbunden, dem bis 1945 Oberbaurat Dr. Bernhard Schmid folgt. Vom 24. Januar bis zum 9. März 1945 toben die Kämpfe des Zweiten Weltkrieges auch um die Marienburg. Um flüchtende Menschen vor fremdem Zugriff zu retten, wird sie dabei erneut zur Ruine. 30 % der Gebäudesubstanz werden vernichtet. 1945 erfolgt die Übergabe der Marienburg als erobertes militärisches Objekt von der Roten Armee an die polnische Militärverwaltung (bis 1951). Nach harten Diskussionen und Auseinandersetzungen entschließt sich die polnische Regierung schließlich zum Wiederaufbau der Burg. Diese entwickelt sich in der Folge zu einer der größten touristischen Attraktionen. 1991 findet die erste deutsch-polnische Tagung in der Marienburg statt. Nach 536 Jahren ist 1993 erstmals der Hochmeister des Deutschen Ordens wieder in ihr. 1994 folgt ihm eine Delegation des Deutschen Bundestages. Von internationaler Bedeutung sind 1994 die Feierlichkeiten zur 200. Wiederkehr des Beginns der Denkmalpflege an der Marienburg. Ihren Höhepunkt findet jedoch 1997 „die ruhm- und bedeutungsvolle Architektur der Marienburg, ihre faszinierende Geschichte und die Arbeit von mehreren Generationen von deutschen und polnischen Konservatoren“ mit der Eintragung in die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.

Reinhard Kißro (Ortrand)  


& Empfehlenswerte Bücher  &

Vorgestellt von Sibylle Dreher

 

„Wir sehen uns bestimmt wieder ...“

-Großmutter als Kind in Schlesien -

von Sigrid Schuster-Schmah, Bib­lio­thekarin i.R. Diese wahre Geschichte über das Leben eines Kindes, das den Krieg, den Ein­marsch der Sowjets und die Besatzungszeit bis zur Ver­treibung er­lebte, ist ihre eigene Ge­schichte. Durch das Schrei­ben hat sie die schlimmen Erlebnisse verar­beitet und es ist ihr ein sehr empfeh­lenswertes Buch  für Kinder gelungen. ISBN 3-7891-4712-5,  Hamburg 1999,  geb. 200 S., ca. Euro 10,-

 

„Schützenstr. 24“

-Autobiographischer Roman-

von Artur H.E. Wersche. Er schil­dert das Schicksal seiner eigenen Familie über mehrere Generationen in West­preu­ßen (Kr. Wirsitz, Dirschau und Konitz) und gibt Einblick in die Lebens­verhältnisse der Deutschen und Polen, die tragischen Kon­flikte der verschiedenen Volksgruppen in polni­scher Zeit und die Entwicklung des Nationalsozialis­mus im Kriege. Ein Buch über ein Leben, das wie viele andere in den Strudel der Zeit geriet. ISBN 3-89841-111-7 

Schardt-Verlag Oldenburg 2003, bro­sch.150 S. Euro 12,80

 

„Grenzerfahrungen“

 -Jugendliche erforschen deutsch-polnische Geschichte

Hrsg. v. Alic.Wancerz-Gluza & Gabriele Bucher-Dinc

Deutsche und polnische Schüler haben anhand von Archivmaterial und Interviews versucht, die Ge­schichte ihrer Großelterngeneration oder auch ihrer Wohnumgebung aufzuarbeiten. Die jungen Forscher wurden leider nicht immer mit dem nötigen histori­schen Hinter­grundwissen ausgestattet. Auch die Ein­leitungen von W. Bartoszewski, R.v.Weizsäcker, R. Traba und W. Borodziej können die Schieflage der Darstellung nicht geraderücken. Dennoch lesenswert. ISBN 3-89684-040-1 Hamburg2003 brosch.380 S. Euro 13,-

 

Vertreibung aus dem Osten

-Geschichten von deutschen und polnischen Zeitzeu­gen von Flucht, Vertreibung und Umsiedlung-

von Hans-Jürgen Bömelburg und Robert Traba.

Dieses Buch ist in deutscher und polnischer Sprache erschienen. Deutsche und Polen beschreiben selbst Ihre Flucht- und „Umsiedlungs“erlebnisse. Es sind interessante Schilderungen dabei, die das Bild über die Umbrüche im Leben der Menschen in Osteuropa unter Stalin und Hitler vervollständigen können. Lesenswert.

Deutsche ISBN 3-929759-29-2, Borussia Olsztyn 2000 520 S., geb.Euro 10,-

Die Vertreibung

-Böhmen als Lehrstück- von Peter Glotz 

Dieses Buch gehört zur Diskussion um Vertreibungen. Der Konflikt zwischen Völkern auf dem gleichen Stück Erde und wie er den verfeindeten Ausgang nahm. Geschichte, aber gut erklärt und sehr aktuell!

ISBN 3-550-07574-X München 2003 geb.290 S.ca. Euro 25,-

Horst Köhler – einer wie wir

Das interessiert auch uns Westpreußen: Bundespräsident Dr.Horst Köhler ist 1943 geboren im polnischen Skierbieszow. Er ist das siebente von acht Kindern einer deutschen Familie, die zur Minderheitsvolksgruppe in Bessarabien, im dama­ligen Rumänien gehörte. So wie die Deutschen aus dem Baltikum und aus Wolhynien schon 1939/40, so wurden die Deut­schen aus Bessarabien umgesiedelt, um nicht unter sowjetischen Einfluss zu geraten. Nati­onalsozialisten nannten diese Aktion „Heim ins Reich“.

Diese Bezeichnung verschleiert jedoch die men­schen­verachtende Politik Stalins und Hitlers. Die beiden Diktatoren hat­ten schon 1939 paktiert und Interessensphären abgesteckt. Die Region Bessarabien wurde den Sowjets überlassen und als diese 1940 in Rumänien einmarschiert waren, wurden die Deutschen umgesiedelt in den Warthegau, nach Westpreußen und in pol­nische, von der Wehrmacht eroberte Bezirke. Die Deutschen standen unter dem Schutz des Paktes als sie ihr Land mit Hab und Gut verlassen mussten.

Mit ihrer Umsiedlung in polnisch bewohnte Gebiete wurde dann versucht, die Vertrei­bung der Polen (und Juden) zu rechtfertigen, die gezwungen waren, in kürzester Frist Haus und Hof zu verlassen. Die Bessarabier fühlten sich nicht wohl in dieser Umgebung, auf fremden Höfen und in fremdem Klima. Auch wenn im Warthegau und in Westpreußen Deutsche ihre Nachbarn wurden, die nicht feindselig waren, so blieben die Neuankömmlinge doch fremd und fremdartig.

Die Ansiedlung der Familie Horst Köhlers in Ostpolen, 50 km vor der ukrainischen Grenze, war keine gute Grundlage für eine neue Heimat im „Großdeutschen Reich“. Ihre Aufbauarbeit dauerte nur bis 1944, als die Front der nunmehr mit Deutschland im Krieg stehenden Roten Armee dem Wohnort der Köhlers näherrückte. Die Flucht der Familie endete in Markkleeberg bei Leipzig, wo wieder ein Neubeginn auf einer Neu­bauernstelle anstand. Horst Köhlers Mutter, die übrigens aus Siebenbürgen stammte, wollte aber nicht unter sowjetischer Macht leben.

Erneute Flucht, die ein Schleuser organisierte, über Berlin in die Flüchtlings­lager von Weinsberg, Back­nang und Ludwigsburg. Der Flüchtlingsjunge Horst Köhler strebte wie so viele der 2. Gene­ration der Vertriebenen nach Bildung, mit Erfolg: Gymnasium, Abitur, Studium (als einziger der 8 Geschwister), Promotion, 1969 Heirat einer Einheimischen aus Ludwigsburg, berufliches Fortkommen und internationale Karriere bis hin zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland.

Er hat eine Lebensgeschichte, die so begann wie bei  vielen Vertriebenen. Wir wünschen ihm viel Erfolg!

Sibylle Dreher

 

Die ganze Geschichte dieser Volksgruppe wird beschrieben in einem neuen Buch der Berliner Historikerin Dr. Ute Schmidt: Die Deutschen aus Bessara­bien -Eine Minderheit aus Südosteuropa (1814 bis heute) ISBN 3-412-09503-6, Köln 2003, 580 S., Euro 48,-


29.08.04  - a -